Ist Trump verrückt?

2017-10-09 / 2018-05-09 Autor: Walter Roeb-Rienas

Ist Trump verrückt? (1)

Nein.

Die Frage ist verrückt, denn die Antwort hilft nicht weiter.

Was bedeutet verrückt?

  • Psychisch krank?
  • Was bedeutet krank?
  • Ist er heilbar oder unheilbar?
  • Ist er behandlungsbedürftig oder ein ‚hoffnungsloser Fall‘?
  • Ist er ein Fall für die Justiz, die Heilfürsorge oder eine psychiatrische Zwangsunterbringung?
  • Ist er ein gefährlicher Delinquent oder ein verwirrter Trottel?
  • Soll man den mutmaßlich kranken Präsidenten bemitleiden, verurteilen oder ‚ent-schuldigen‘?
  • Wäre Trump ‚krankheitseinsichtig‘, wenn eine Diagnose gestellt würde?
  • (…?…)

Die psychiatrischen Fachgesellschaften in den USA und anderswo diskutieren und streiten schon seit einiger Zeit darüber, ob es möglich, tunlich oder geboten bzw. erlaubt oder gar unerlaubt ist (nach der seit 1973 bestehende Goldwater-Regel), dem amerikanischen Präsidenten eine psychiatrische Krankheitsdiagnose zuzuschreiben oder nicht – allerdings bisher ohne brauchbares Ergebnis. Was und wem nützt es, wenn eine solche Diagnose benannt wird, die Trump sicher nicht akzeptieren wird. Vermutlich wird Trump jeden Psychiater für verrückt erklären, der solch eine ‚absurde‘ Behauptung in den Raum stellt. In den Medien wird immer wieder diskutiert, ob Trump unter einer ‚Persönlichkeitsstörung‘ oder gar einer ‚Altersdemenz‘ (oder beiden Diagnosen) leidet (2017-10-09 Merkur). Ob er selbst unter seiner mutmaßlichen psychischen Störung wirklich leidet, kann allerdings bezweifelt werden; dass dagegen verschiedene andere Personen unter den Folgen seiner psychischen ‚Konfiguration‘ leiden, ist wohl der Kern des Problems.

Hinter jedem Begriff zur Beschreibung und Interpretation von auffälligem, von den konventionellen Erwartungen abweichendem menschlichen Verhalten steht – je nachdem, wer sich dazu äußert – ein einfaches oder kompliziertes Erklärungsmodell. Aus diesem Erklärungsmodell lassen sich dann gegebenenfalls unterschiedliche Konsequenzen zu Lösung eines mit dem auffälligen Verhalten verbundenen Problems ableiten.

Letztendlich geht es um die Frage, welche Erklärungen für das zweifellos ungewöhnliche Verhalten des amerikanischen Präsidenten nicht nur mutmaßlich ‚zutreffend‘ sind, sondern sich auch dafür eignen, wirksame Handlungskonsequenzen zu ziehen, wenn zu erwarten ist, dass Untätigkeit zu einem fatalen Problem führen wird. Letzteres ist zweifellos der Fall, wenn ein uneinsichtig psychisch kranker Präsident seine Hand über den ‚Roten Knopf‘ des größten Nukleararsenals der Welt hält.

Das Problem ist, dass es (zum Glück) nicht möglich ist, anderen Personen ‚in den Kopf zu gucken‘ und Gedanken zu lesen. Das bedeutet, dass man hinsichtlich der Frage, was eine andere Person denkt und beabsichtigt, immer auf Spekulationen angewiesen ist; das gilt für Laien genauso wie für zertifizierte Fachleute (z. B. Psychiater, Psychotherapeuten und Psychologen) und solche, die für besonders fachkundig im Bereich der ‚Menschenkunde‘ gehalten werden. Da Trump sich in seinen Aussagen, ob es sich um Ansprachen oder Twitter-Botschaften handelt, mit einer auffälligen Häufigkeit widerspricht, sind Voraussagen zu seinen ’spontanen‘ Entscheidungen im nächsten Augenblick mit einer sehr hohen Unsicherheit belastet. Also geht es um die Frage, welchen Spekulationen oder welchem Fachspekulanten man am ehesten glauben soll.

Selbsternannte ‚Fachleute‘ gibt es zuhauf; selbst Trump bezeichnet gelegentlich andere Personen als ‚krank‘ oder böse, z. B. seinen Vorgänger Obama (Bad (or sick) guy!!) als er vermutete, von Obama abgehört worden zu sein.

Die Bezeichnungen ‚böse‘, ‚krank‘, ‚verrückt‘ oder Diagnosen aus dem Gebiet der Psychiatrie eignen sich vorzüglich dazu, zum Ausdruck zu bringen, dass man über keine nachvollziehbare Erklärung für die Aussagen und das Verhalten einer anderen Person verfügt. Mit einer Diskreditierung der betreffenden Person kann man sich das weitere Nachdenken über die enttäuschten eigenen Erwartungen und Wünsche ersparen. Denn kranke und verrückte Personen kann man nicht verstehen (und schon gar keine Bösewichte, denn wer Bösewichte versteht, gerät schnell in den Verdacht, selbst ein Bösewicht zu sein).

Ist Trump verrückt? (2)

Nein.

Trump verfolgt nur andere Ziele.

Wir sollten zur Kenntnis nehmen, dass Trump andere Ziele verfolgt als die, die sich mutmaßlich die meisten Menschen wünschen und deren Verfolgung sie von einem Volksvertreter erwarten. Trump war und ist immer noch Geschäftsmann. Er behauptet selbst auch nichts anderes – und es ist unwahrscheinlich, dass er das ändert oder dass andere Personen aus ihm etwas anderes machen. Politiker sein ist für ihn eine nützliche ‚Nebenbeschäftigung‘ und bedeutet für ihn nicht, die Verantwortung für die Interessen seines Landes und seines (Wahl-)Volkes zu übernehmen. Er hat bisher ausschließlich die Verantwortung für seine eigenen Interessen wahrgenommen und hat es nicht gelernt, Verantwortung für die Interessen anderer Personen zu tragen. Politik ist ein Teil seines bisherigen ‚Geschäftsmodells‘. Ein ‚great deal‘ in seinem Sinne ist ein Geschäftsvorfall, bei dem der Geschäftsmann einen ökonomischen Vorteil für seine Seite erwirkt, ohne sich für einen mutmaßlichen Schaden oder Verlust auf der anderen Seite verantworten zu müssen. „Make America great again“ ist eine schlüssige Ableitung aus diesem Modell. Sein ‚Konzept‘ ist unvorstellbar simpel – und darin unterscheidet er sich nicht wesentlich von Silvio Berlusconi, Kim Jong-Un,  Recep Erdoğan, Wladimir Putin, Gerhard Schröder und manchen anderen Politikern und Wirtschaftsführern, die (mit der Legitimation durch die nach ihren eigenen Maßstäben erzielten ‚Erfolge‘) Unfehlbarkeit für sich in Anspruch nehmen: Sein Ziel ist es, jeden Menschen, der sich als mögliche Beute anbietet, systematisch auszubeuten und jeden, der sich ihm in den Weg stellt, ‚aus dem Weg zu räumen‘ oder zu vernichten. Damit hatte er bisher – wie seine ‚Kollegen‘ – bemerkenswerten Erfolg.

Das finden mutmaßlich alle die Menschen gut, die es auch gerne so machen würden und an Trumps Erfolgskonzept glauben – selbst wenn sich der Erfolg bei ihnen selbst noch nicht eingestellt hat. Es gibt aber offenbar genug Menschen, die daran glauben, dass sie am Erfolg dieses Konzeptes teilhaben können, wenn sie sich nach dem Vorbild ihres Meisters verhalten. Dass dieses Erfolgsmodell nicht für alle Menschen funktionieren kann ergibt sich aus dem Umstand, dass es  – in der Politik wie an der Börse und im Glücksspiel – ohne Verlierer keine Gewinner geben kann.

Als Beute bieten sich alle Personen an, die sich nicht wehren können, und alle die, die (noch) nicht glauben wollen, dass dieses Geschäftsmodell zu ihren eigenen Lasten so gut funktioniert – bis sie erkennen, dass sie selbst ausgebeutet oder aus dem Weg geräumt worden sind. Aber dann ist es fast immer zu spät. Durch seine Personalpolitik im Weißen Haus demonstriert Trump diese Haltung immer wieder eindrucksvoll.

In seiner Vorgehensweise ist Trump jedes Mittel recht, welches ihm zur Durchsetzung seiner Ziele tauglich erscheint. Er hat z. B.  kein Problem, seine ‚eigenen Wahrheiten‘ zu verkünden, auch wenn sie den Tatsachen widersprechen, solange es genügend Personen gibt, die ihm zustimmen oder zumindest nicht widersprechen. Zu seinem Konzept gehört zwangsläufig auch die Fähigkeit und Bereitschaft, seine ‚menschlichen Beuteobjekte‘ so lange zu täuschen, bis sie sich in den von ihm aufgestellten Fallen verfangen haben. Zu seinen Beuteobjekten gehören nicht nur seine Gegner oder diejenigen, die sich nicht wehren können, sondern durchaus auch seine Anhänger und ‚Freunde‘ – allerdings nur solange sie in seinem Sinne ‚mitspielen‘; entstehen Zweifel an ihrer Loyalität heißt es „you are fired“.

Das zeigt sich in seinen Worten, in seinen Entscheidungen und den Folgen seines Verhaltens. Das ist nicht verrückt, sondern in seiner einfachen Logik überaus schlüssig, aber wohl für viele Menschen zu einfach, um wahr zu sein.

Das hat mit Demokratie, Menschenwürde oder Fairness natürlich nichts zu tun.

Es ist nicht nur erstaunlich, sondern aus einer humanistischen oder demokratischen Position betrachtet ausgesprochen tragisch, dass diese einfache Logik die meisten Menschen nicht wahr haben wollen und tatenlos warten, bis sie ausgebeutet oder beseitigt werden bzw. bis man von demokratischen Verhältnissen nicht mehr ernsthaft sprechen kann.

Ist es verrückt, wenn ein Politiker die Axt an die Wurzeln der Demokratie legt? Nein, es ist für viele Politikerpersonen schlüssig im Sinne ihrer eigenen Zielsetzungen. Denn ein wesentliches Prinzip der Demokratie ist die Teilung der politischen Macht. Dieses Prinzip steht Trump im Weg.

Es wäre wohl besser, wenn die Wähler mehr darauf achten würden, das Ausbeutungsverhalten ihrer Wahlkandidaten früh genug zu erkennen.

Ist Trump verrückt? (3)

Nein.

Verrückt sind die Personen, die Trump zu seiner Macht verholfen haben,

  • obwohl sie vor seiner Wahl die Möglichkeiten hatten zu erkennen, dass der Geschäftsmann Donald Trump für das Amt des amerikanischen Präsidenten völlig ungeeignet ist …
  • und erst jetzt erkennen, dass der Geschäftsmann Donald Trump für das Amt des amerikanischen Präsidenten völlig ungeeignet ist…

… und es unterlassen, geeignete, in ihrer eigenen Macht stehende Maßnahmen zu ergreifen, damit Trump seiner Funktion als Präsident der USA enthoben wird.

Verrückt sind die Personen, die glauben, dass es nicht eintreten kann, dass sie selbst zum Beuteopfer eines gewählten Volksvertreters werden könnten.

Verrückt sind die Personen, die glauben, dass es keine Möglichkeiten gäbe, zu verhindern, dass eine Person mit einer faktisch unbeschränkten politischen und marktbeherrschenden ökonomischen  Machtfülle ausgestattet wird.

Ob die Quelle dieser ‚Verrücktheit‘ grenzenlose Gutgläubigkeit, schlichte Geldgier oder pure Dummheit ist, kann man zum Glück nicht feststellen, denn – wie schon erwähnt – ist es nicht möglich, einem andern Zeitgenossen oder schon Verstorbenen ‚in den Kopf zu gucken‘.

Wie Demokratie ist auch Diktatur eine menschliche Erfindung und weder ein ‚Naturprodukt‘ noch ‚ … von Gott erschaffen … ‚; aber es gibt offenbar noch genug Leute, die an diesen Unfug glauben.

Deshalb kann Demokratie nicht selbstverständlich von alleine funktionieren. Sie funktioniert nur dann, wenn das Wahlvolk (und die Presse) aufmerksam und kritisch ‚überwacht‘, dass seine Volksvertreter für ihren Job geeignet sind. Wenn das (Wahl-)Volk, welches seine Volksvertreter wählt, nicht aufpasst und die Machtfülle seiner Politiker begrenzt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es ausgebeutet wird. Despoten beanspruchen gerne die Erklärung, dass sie durch „bessere Gene“ (‚Natur‘), eine privilegierte Familienzugehörigkeit (‚Vererbung‘) oder „von Gott auserwählt“ (‚Glauben‘) Anspruch auf eine unbegrenzte Machtfülle haben. Wer das glaubt, sollte sich von erfundenen Begriffen wie Demokratie, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit, Verteilungsgerechtigkeit, Chancengleichheit, Generationenvertrag oder ähnlichen Wortschöpfungen verabschieden.

Jede(r) soll glauben was er/sie will. Aber keine(r) soll glauben, das das, was er/sie glaubt, etwas mit (überprüfbarem) Wissen zu tun hat; es ist nämlich das Gegenteil von Wissen. Es gibt aber offensichtlich eine deutliche Mehrheit von Personen der Weltbevölkerung, die überzeugt der eigene Glaube mehr als das, was sie mit ihren eigenen Sinnen und gegebenenfalls mit geeigneten Hilfsmitteln wahrnehmen und überprüfen können. Bei diesem Personenkreis ist ein Faktencheck für eine Überprüfung und Korrektur ihrer Überzeugung wirkungslos.

Ich ‚glaubte‘ noch vor einigen Jahren, dass das Mittelalter überstanden sei. Das war wohl ein (verrückter) Irrtum.

(Anmerkung: Wie oft sagen manche Politiker „… ich glaube, dass …“ oder “ … ich habe das Gefühl, dass … “ oder “ … eigentlich sollte dies oder das so oder so sein ….“ ? Na ja, diese Politiker werden dann für besonders glaubwürdig, authentisch und gefühlvoll gehalten. Für den politischen Erfolg reicht es oft schon, Hypothesen zu äußern und diese als Tatsachen zu verkaufen. Mit einiger Übung kann das aber jeder lernen; das ist aber nur meine Hypothese)