Ist Farbenblindheit eine Legitimation zum Lügen?

In dem Spiegel.de-Artikel „Ex-Botschafterin Haley rechnet mit Trump ab“ steht:

(…) Zugleich versuchte Haley, das Verhalten ihres »Freundes« Trump zu erklären: »Wie ich das verstehe, glaubt er aufrichtig, dass ihm Unrecht zugefügt wurde.« Sie verglich Trump mit jemandem, der sage, dass Gras blau sei. »Wenn jemand keine Farben unterscheiden kann und das wirklich glaubt, ist das unverantwortlich?«

(Dass ich die Farbe von Gras unter bestimmten Bedingungen nicht genau erkennen kann, mag sein. Ich bin allerdings sicher, dass Gras – nicht nur unter bestimmten Beleuchtungsverhältnissen – high macht, wenn die Dosierung stimmt.)

Nikki Haley ist immerhin die frühere amerikanische Uno-Botschafterin und laut Spiegelartikel gilt sie als mögliche Kandidatin der US-Republikaner bei der Wahl 2024. Damit wäre sie nicht nur Freundin von Trump, sondern auch (s)eine Konkurrentin 2024. Wie Trump seine Freundschaften konfiguriert kennen wir ja schon von Kim Jong Un.

Man könnte auf die Idee kommen, dass der Trumpismus unter den Republikaner*innen ansteckender ist als Covid-19; ein Impfstoff dagegen ist noch in weiter Ferne, die Übertragung der Infektion scheint auch über größere Entfernungen möglich zu sein, das Virus ist noch nicht identifiziert, geschweige denn sequenziert.

Entscheidend an dem oben erwähnten Zitat ist das Fragezeichen. Es kann so verstanden werden, dass es ein Ausdruck von Verantwortlichkeit ist, etwas falsches zu behaupten, nur wenn man glaubt, dass es zutrifft. Was man glaubt, fällt unter die Kategorie der gesetztlich geschützen Religionsfreiheit und was man sagt, ist durch das Recht auf Narrenfreiheit (dem Recht auf freie Meinungsäußerung) geschützt – nicht nur in Köln. Ein falscher Glaube ist juristisch nicht beweisbar. Aber was ein falscher Glaube genau ist, wissen zumindest manche Vertreter nichtchristlicher Religionsgemeinschaften.

Bei dem Vergleich mit einer farbenblinden Person ist m. E. entscheidend, ob dem betreffenden Menschen bekannt ist, dass er farbenblind ist und ob er diese Erkenntnis als Tatsache anerkennt oder verleugnet.

Die Behauptung, an den Weihnachtsmann zu glauben, kann nicht widerlegt werden. Also ist z. B. Aussage, dass “ … der Weihnachtsmann ein gütiger Mensch ist, zu Sonderkonditionen Spielzeug besorgen kann und im Jenseits zu Hause ist …“ deswegen zutreffend?

Wenn z. B. ein gläubiger Mensch behauptet, dass sein Gebet von einer göttlichen Instanz (oder einer mutmaßlichen Person im ‚Jenseits‘) erhört worden sei, und dass das göttliche Gehör in dieser Angelegenheit durch eine bestätigende Aussage Gottes verifiziert worden sei, kann auch diese Behauptung nicht widerlegt werden, obwohl diese Halluzination im konkreten Einzelfall von der Mehrheit der Weltbevölkerung mutmaßlich nicht geteilt wird. Diese Aussage ist aber nur eine rein statistische Hypothese.

Ich gehe davon aus, dass nicht nur eine verschwindende Minderheit unserer Zeitgenossen bereit und in der Lage ist, unter bestimmten Bedingungen eine sinnähnliche Behauptung – im mutmaßlich vollen Bewusstsein der geistig-seelischen Kräfte und ohne die geringste Annahme einer möglichen Falschaussage – aufzustellen.

Wie sonst erklärt sich, dass es in Deutschland noch so viele Mitbürger*innen gibt, die Kirchensteuer bezahlen? Die Beantwortung dieser Frage ist nicht nur eine Herausforderung für Frauenverstehr*innen sondern auch für echte Männerversteher*innen!

Bildergebnis für Trump Bibel
Foto: NDR

Selbst Präsidenten von Großmächten nehmen die Bibel in die Hand, um ihren Aussagen Nachdruck zu verleihen – und nicht nur beim Aussprechen des Amtseides.

… Und wehe es kommt jemand daher, der behauptet, das sei alles Kinderkram. Um Gottes Willen! … Gotteslästerung, Hexenjagd, Verstoß gegen das Brauchtum, Diskriminierung von – ja wem denn eigentlich? – also zum Beispiel Minderheiten wie Staatspräsidenten, Päpsten, Propheten, Erzbischöfen und anderen unterprivilegierten Personengruppen …

Ich würde vorschlagen, das Strafrecht und den Strafvollzug ersatzlos abzuschaffen, auch wenn das arbeitsmarktpolitisch nur schwer durchsetzbar wäre. Es macht einfach keinen Sinn mehr. Denn es reicht aus, zu behaupten, dass man nicht an die Strafbarkeit einer Handlung glaubt, um sich selbst zu exkulpieren. Jede weitere Rechtfertigung ist damit entbehrlich. Deshalb erübrigt sich auch eine Selbsbegnadigung des Präsidenten, denn diese hat im Grunde die gleiche Wirkung. Dem Anschein nach glaubt ein großer Anteil der Amerikaner daran – also an die Entbehrlichkeit des Strafrechts (mindestens aber für einen bestimmten Personenkreis) und den Umstand, dass der Glaube ‚Berge versetzt‘.

Was ich allerdings wirklich glaube – ich bin also sicherer, als wenn ich es nur wissen würde – ist, dass es in Deutschand nicht viel anders ist. Nur sagt das keiner laut, aber ich habe es schon mal gehört, obwohl ich auf einem Ohr schwerhörig bin. Und deshalb ist auszuschließen, dass ich mich selbst täuschen könnte.

Ich habe auch gehört, dass es in manchen Ländern noch eine vollziehbare Todesstrafe bei bestimmten Delikten gibt. Das habe ich allerdings nur gehört und gelesen, aber noch nicht selbst erlebt. Vielleicht glaube ich das aber auch nur. Keiner weiß es genau.

PS: Ich glaube ja auch nicht an das Internet. Ich habe nämlich das Internet noch nie wirklich gesehen. Ich habe allerdings immer wieder so ein merkwürdiges Zeug auf meinem Bildschirm, was ich mir gar nicht gewünscht habe. Das kommt mit Sicherheit aus der Hölle. Denn ich habe schon mal gehört, dass es in der Hölle so schlimm ist wie im Internet. Habe ich wirklich gehört! Wo ich das gehört habe, habe ich allerdings vergessen. Ist ja auch egal, Hauptsache es stimmt.

Vielleicht sollte ich mal googeln, ob es die Hölle wirklich gibt. Dann würde ich es auch wirklich glauben.

Unglaublich – also großartig!

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