Donald Trump im Führungs-Check

2018-02-19 / Autor: Dr. Ulrich Goldschmidt

Den nachfolgende Beitrag – erstmalig veröffentlicht im manager magazin am 31.01.2018 veröffentlichen wir mit freundlicher Zustimmung des Autors und des Verlags an dieser Stelle im Originaltext:

Was Führungskräfte vom US-Präsidenten lernen können

Donald Trump im Führungs-Check

Von Dr. Ulrich Goldschmidt, DFK – DIE FÜHRUNGSKRÄFTE

Nachdem im ersten Jahr seiner Amtszeit so viel Häme und Kritik über den US-Präsidenten ausgeschüttet wurde, ist es an der Zeit für einen Versuch, auch einmal etwas Nettes über Donald Trump zu sagen. Immerhin wird jedem amerikanischen Präsidenten die Rolle des „Führers der freien Welt“ zugeschrieben. Und so rühmt sich auch Donald Trump gern seiner Führungsstärke als erster Deal Maker der Nation und empfiehlt dem Rest der Welt mit einem bemerkenswerten Selbst- und Sendungsbewusstsein, seiner Führung zu vertrauen, auf dass er nicht nur den USA sondern allen Völkern dieser Welt den Weg zu Glück, Wohlstand und saftigeren Weidegründen weise.

Seien wir also nicht mäkelig und reiten auf seinen offenkundigen Schwächen herum, sondern schauen uns das Feld an, auf dem er sich nach eigenem Bekunden wie zu Hause fühlt und wo ihm niemand das Wasser reichen könne. Ein Jahr nach dem Beginn seiner Präsidentschaft ist es angezeigt, nach den Führungsqualitäten von Donald Trump zu fragen.

Dienstleistung in Spurenelementen

Zunehmend setzt sich die Erkenntnis durch, dass Führung kein Selbstzweck ist, sondern eine Dienstleistung. Bei Führung geht es nicht um Orden und Ehrenzeichen. Führungskraft zu sein, ist daher auch kein anspruchsbegründendes Sonderrecht. In der Wirtschaft bedeutet dies, dass Führung dem Erfolg des Unternehmens dienen muss und Dienstleistung für die Mitarbeiter gefordert ist. Auf die Politik übertragen geht es also um Dienstleistung und Verantwortung für das Land, seine Bevölkerung aber eben auch für andere Länder und Völker, auf die sich das politische Handeln auswirken kann. Es geht um also nicht nur um politischen Shareholder Value sondern um Stakeholder Value.

Trumps Parole „America first!“ ist damit nur schwer zu vereinbaren. Und die Zweifel an seinem Führungsverständnis werden noch größer, wenn man sich sein Verhalten im Amt anschaut. Dienstleistung ist dort allenfalls in Spurenelementen wahrzunehmen. Nicht mehr das Amt und die Aufgabe stehen im Vordergrund, das Amt ist auf Trump persönlich zugeschnitten. Sein Regierungsprogramm lässt sich in drei Worte fassen: „Ich, Ich, Ich.“ Daher ist auch das Motto „America first“ wenig glaubhaft. „Trump first“ beschriebe es schon besser. Zu seiner Ehrenrettung muss man sagen, dass sein Wahlprogramm schon genauso aussah. Der Wähler hat genau das bekommen, was im Präsidentschaftswahlkampf versprochen wurde. Auch als Geschäftsmann agierte er in dieser Weise. Also alles nicht besonders überraschend. Man konnte es wissen.

Trump hat sich unlängst als „stabiles Genie“ bezeichnet und in der Tat in einem Teilsegment ein unglaubliches Talent an den Tag gelegt: Er ist einfach ein genialer Selbstvermarkter. Er verkauft seit jeher die Marke Trump. Zunächst im Geschäftsleben, heute in der Politik. Schaut man hinter die Kulissen, ist es wenig überraschend, dass es mit Selbstvermarktung allein nicht getan ist. Der Geschäftsmann Trump gilt schon seit Jahren eher als Scheinriese denn als erfolgreicher Deal Maker. Mehrere Insolvenzen sprechen Bände. Das lässt nichts Gutes für seine Zeit im Weißen Haus erwarten.

Sein Hang zur Selbstvermarktung geht Hand in Hand mit dem starken Bedürfnis, gelobt, geliebt und bewundert zu werden. Wer dies mit Erfolg tut, hat bei Donald Trump die besten Karten. Wie seine Erwartungshaltung ist, hat sich schon nach fünf Monaten im Amt gezeigt, als er vor laufenden Fernsehkameras eine peinliche Selbstbeweihräucherung inszenierte und sich reihum von seinen Kabinettsmitgliedern in den höchsten Tönen loben ließ. Sein Stabschef dankte ihm „für die Möglichkeit und den Segen, Ihrer Agenda und dem amerikanischen Volk zu dienen“. Eine Lobhudelei, in die fast alle Minister einstimmten und die eher zu Nordkorea denn zu den USA passt.

Es liegt Donald Trump nicht zu dienen. Bedient zu werden und Huldigungen entgegen zu nehmen, ist eher sein Ding. Seine Note bei dieser Führungsqualität kann daher nur „mangelhaft“ lauten.

Rhetorisches Rabaukentum statt Respekt

Für gute Führung ist ein respektvoller und wertschätzender Umgang mit Menschen kennzeichnend. Auf den ersten Blick tun sich hier beim Präsidenten wahre Abgründe auf. Nicht nur in seinen Twitter-Botschaften, sondern auch in öffentlichen Auftritten und Meetings äußert er sich verletzend, abwertend und beleidigend über andere Menschen oder auch über Staaten und ganze Kontinente. Oft hat man den Eindruck, dass er geradezu wahllos und unkontrolliert sprachlich um sich schlägt. Journalisten, ganze ethnische Gruppen, in- und ausländische Politiker, Ermittlungsbeamte und eigene Mitarbeiter – jeder darf damit rechnen, das nächste Ziel dieses rhetorischen Rabaukentums zu werden. Andererseits berichten Menschen aus seinem unmittelbaren Umfeld und jene, die ihn schon länger kennen, dass er im persönlichen Gespräch ausgesprochen charmant, freundlich und dem Gesprächspartner zugewandt auftrete. Ernsthaften Konfrontationen gehe er lieber aus dem Weg und delegiere das Unangenehme an die nächste Ebene.

Sitzt da ein Dr. Jekyll und Mr. Hyde im Oval Office? Oder steckt hinter allem womöglich ein größerer Plan? Schaut man genauer hin, erkennt man eine ganze Reihe von Tatbestandsmerkmalen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Er fordert Bewunderung und zeigt Charme und Freundlichkeit nur solange es dem höheren Zweck der eigenen Huldigung förderlich ist. Daher kann Kritik auch nicht zugelassen werden. So passiert es, dass er sich über Menschen positiv äußert, diese aber schon im nächsten Moment mit einer Schimpfkanonade überzieht, sollten sie ihre Bewunderung für den Präsidenten nicht hinreichend mit entsprechenden Schmeicheleien zum Ausdruck gebracht haben. Charme und Freundlichkeit sind daher nicht authentisch, sondern manipulative Mittel zum Zweck. Trump will immer im Rampenlicht stehen, sofern er dadurch in einem guten Licht erscheint. Um das zu erreichen, schreckt er vor Manipulation und Lüge nicht zurück. Und wenn er nicht anders von eigenen Schwächen und Fehlern ablenken kann, ist fast sicher mit einem Auftritt als Rhetorik-Hooligan zu rechnen. Mit Wertschätzung und Respekt hat das nichts zu tun. Bei der Frage nach guter Führung also auch hier Fehlanzeige.

Loyalität als Einbahnstraße

Typisch für narzisstisch geprägte Menschen ist, dass sie Loyalität als Einbahnstraße wahrnehmen. Sie fordern ein hohes Maß an Loyalität ein, zeigen diese selbst aber nicht. Starke Führungskräfte wissen, dass Loyalität nur als Geschäft auf Gegenseitigkeit funktioniert.

Auch Trump fordert Loyalität, weil er dies für ein Zeichen der Bewunderung seiner Person und seiner Leistungen hält. Nur in dieser Form hat Loyalität für ihn einen Wert. Loyalität gegenüber Mitarbeitern zu zeigen, spielt in seiner Welt keine Rolle. Alle Erfolge der Regierung müssen auf seine Person zurückgeführt werden. Erfolgreiche Mitarbeiter werden bei Erfolgen nicht sichtbar gemacht. Alle Misserfolge aber werden seinen Ministern, Pressesprechern, Beratern oder sonstigen Mitarbeitern zugeordnet. Die Folge ist eine Hire-and-Fire-Mentalität, wie man sie bislang aus dem Weißen Haus so noch nicht kannte.

Vorsätzlich lässt er Mitarbeiter im Regen stehen, wenn diese öffentliche Erklärungen abgeben, die ihm nicht passen. Er distanziert sich von ihnen und stellt sie in aller Öffentlichkeit als unfähig dar, ohne zu hinterfragen, ob der Fehler vielleicht auf mangelnde interne Kommunikation oder eine seiner eigenen Launen zurückzuführen ist. Um von innenpolitischen Problemen abzulenken, zündelt Trump auch gern in weltpolitischen Krisenregionen, sei es auf der koreanischen Halbinsel oder im Nahen Osten. Wird es brenzlig, heißt sein Leitsatz aber schnell: „Leute seid nicht feige, lasst mich hintern‘ Baum.“ Schafft es ein Mitarbeiter dann nicht, Trump in ein glänzendes Licht zu setzen, darf er sich nach einem neuen Job umsehen.

Besonders übel ist dabei, dass Trump auch gern nachtritt und ehemalige Mitglieder seines Stabs noch nach Wochen und Monaten mit Schmähungen überzieht. Ein Satz wie „Er hat nicht nur seinen Job, sondern auch seinen Verstand verloren“ nach den Indiskretionen seines ehemaligen Beraters Stephen Bannon, ist typisch für seinen Führungsstil.

Mit Loyalität darf also niemand in seinem Umfeld rechnen. Mit Loyalität sollte daher auch keiner seiner internationalen Partner rechnen.

Neue Maßstäbe für Integrität

Integrität darf als eine der wichtigsten Währungen für erfolgreiche Führung gelten. Niemand will auf Dauer mit einer Führungskraft zusammenarbeiten, die nicht integer ist, müsste man doch ständig damit rechnen, das nächste Opfer mangelnder Integrität zu werden. Integrität ist die Basis für Vertrauen, die zweite wichtige Währung guter Führung. Einem Menschen, der erkennbar nicht integer ist, werde ich nicht vertrauen.

Amerikanische Präsidenten standen noch nie im Verdacht, man müsse sie wegen ihres jederzeit untadeligen Wesens noch zu Lebzeiten heilig sprechen. Nicht von ungefähr hat schon Abraham Lincoln erkannt: „Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht.“ Versuchungen der Macht und Verfehlungen in diesem Amt hat es immer gegeben. Legt man aber den Maßstab der Integrität an Donald Trump an, spielt dieser in einer eigenen Liga. Sein Ruf als skrupelloser Lügner war schon in seiner Zeit als Geschäftsmann legendär. Aber auch als Präsident tischt er Lügen in einem Ausmaß auf, das man nicht für möglich gehalten hat. Untersuchungen belegen, dass Barack Obama als Präsident im Schnitt zweimal im Jahr öffentlich die Unwahrheit gesagt hat. Trump kommt auf eine Quote von fünf Lügen – pro Tag! Was die Sache noch schlimmer macht: Es ist ihm offenbar auch völlig gleichgültig, ob er beim Lügen erwischt wird. Er hält an seiner Lüge fest oder ersetzt diese durch eine neue Unwahrheit.

Auch dies ist typisch für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Man lügt, um sich die Bewunderung anderer Menschen zu erhalten, um besser dazustehen, um Kritik zu entkräften, um von Schwächen abzulenken. Narzissten übersehen dabei, dass sie mit genau diesem Verhalten das Vertrauen in ihre eigene Person zerstören und Bewunderung auf Dauer unmöglich machen.

Die versuchte Einflussnahme auf den Sonderermittler Muller, das mit „unangemessen“ nur unzureichend beschriebene Verhalten gegenüber Behinderten und ethnischen Minderheiten und ähnliche Ausfälle vervollständigen das unerfreuliche Bild. Die bekannt gewordenen, völlig inakzeptablen Äußerungen über Frauen werden ein eigenes Kapitel füllen, wenn die Geschichte dieser Präsidentschaft geschrieben wird. Erschreckend ist auch hier die Uneinsichtigkeit Trumps, der die Äußerungen nicht etwa bestreitet, sondern sie mit dem Hinweis auf „locker room talks“ abtun will, als seien die Worte weniger schlimm, wenn sie nur in der Umkleidekabine, sprich im kleinen Kreis fallen. Auch dieses Verhalten ist Ausdruck mangelnder Integrität.

Verheerend ist dabei das Signal an die eigenen Mitarbeiter, denen vermittelt wird, dass Lügen und mangelnde Integrität offenbar vom Chef akzeptierte, vielleicht sogar ausdrücklich gewünschte Verhaltensweisen sind. Im Falle eines Präsidenten ist aber auch das Signal in die Gesellschaft mindestens ebenso verheerend. Der gesellschaftliche Konsens für den integren Umgang miteinander wird aufgekündigt, die Gesellschaft wird vom eigenen Präsidenten korrumpiert.

Auch das Fehlen von Integrität bestärkt die Vermutung, dass Donald Trump als Führungskraft ungeeignet ist.

Kritik wird ausgeblendet

Führungskräfte müssen in der Lage sein, nicht nur konstruktive Kritik zu üben, sondern solche auch für ihr eigenes Verhalten entgegenzunehmen und daraus die notwendigen Schlüsse zu ziehen. Donald Trump hat ein unvergleichliches Talent, Kritik an seiner Person auszublenden und Fehler ausschließlich bei anderen zu suchen. Es zieht sich wie ein roter Faden durch das erste Jahr seiner Präsidentschaft, dass Schuld immer nur die anderen haben: die Medien, die Demokraten, abtrünnige Republikaner, unfähige Mitarbeiter, China, die EU und so weiter.

Kritik passt nicht in die Welt des „Trump first!“, gehört aber zwingend in die Welt guter Führung. Menschen mit der Persönlichkeitsstruktur eines Donald Trump empfinden Kritik als persönlichen Angriff und eine versuchte Abwertung. Sie sind nicht in der Lage, die positiven Seiten von Kritik zu erkennen. In Trumps Welt muss die Person Donald Trump über allen anderen stehen. Dieser fehlgeleitete Wettbewerbsinstinkt veranlasst ihn, die vermutete Abwertung der eigenen Person auf die Kritiker zu übertragen, diese zu beschimpfen, zu beleidigen, als unfähig darzustellen. Als Selbstschutz bauen solche Menschen ein Informationsumfeld auf, zu dem potentielle Kritiker keinen Zugang haben. In dieser Blase werden selbstbestätigende Informationen mit Schmeicheleien garniert und in für den Präsidenten gut verdaulichen Häppchen präsentiert.

Auch beim Thema Kritikfähigkeit ist Trump leider von guter Führung weit entfernt.

Führungsversagen in allen Dimensionen

Donald Trump ist keine qualifizierte Führungskraft und kann deshalb auch die Rolle des „Führers der freien Welt“ nicht ausfüllen. Führungskräfte können von ihm allenfalls lernen, wie man nicht führen sollte. So dient er zumindest als schlechtes Beispiel. Trump beschädigt durch sein Verhalten das Amt des amerikanischen Präsidenten und wird auf lange Sicht auch sich selbst beschädigen. Mangels Einsichtsfähigkeit wird er das aber selbst nicht wahrnehmen oder nicht wahrnehmen wollen.

In einem Unternehmen würde man eine solche Führungskraft schnellstens aus dem Verkehr ziehen, bevor sie Schlimmeres anrichten kann. Es gibt Beispiele in der Wirtschaftsgeschichte, wo dies versäumt wurde und die Unternehmen Schiffbruch erlitten. Wie wird man in den USA reagieren? Kommt es nicht zum Impeachment, zur Absetzung des Präsidenten durch den Kongress, bleibt wohl nur, ihn möglichst oft zum Golfen nach Florida zu schicken, damit er mit anderen Dingen als mit Regierungsangelegenheiten beschäftigt ist.

Dr. Ulrich Goldschmidt

Vorstandsvorsitzender

DFK – DIE FÜHRUNGSKRÄFTE

www.die-fuehrungskraefte.de