Der ‚Nuclear Football‘ könnte bald zur Anwendung kommen

2017-08-10 Spiegel-online berichtet:

(…) Allen voran diese Lüge: „Meine erste Amtshandlung als Präsident war es, unser Nukleararsenal erneuern und modernisieren zu lassen“, tönte der US-Präsident auf Twitter, kurz nach seiner ersten, verbalen Drohung gegen das Regime in Pjöngjang. „Es ist nun viel stärker und mächtiger als je zuvor.“(…) Doch nichts an der Behauptung stimmte. Sie war nur Wortsalat, offenbar ebenso frei improvisiert wie Trumps „Feuer und Wut“-Rede zuvor. Was bewies, wie nonchalant er mit dem unvorstellbaren Gedanken eines Nuklearkriegs umgeht – ausgerechnet am 72. Jahrestag des Atombombenangriffs auf Nagasaki. (…) Doch weder hat Trump es modernisieren lassen, noch ist es „viel stärker und mächtiger als je zuvor“. Im Gegenteil: Diejenigen, die Amerikas Endzeitwaffen pflegen, scheinen zurzeit gefährlich überfordert. (…) Der letzte konkrete Anstoß, die US-Atomwaffen aufzumotzen, kam nicht von Trump – sondern von Obama. Der initiierte 2010 eine Modernisierung des betagten Arsenals, die, auf rund 30 Jahre veranschlagt, bis zu eine Billion Dollar kosten soll. Das nicht unumstrittene Programm – das unter anderem die Entwicklung einer neuen Klasse atomgetriebener U-Boote vorsieht – kommt jedoch größtenteils erst ab 2022 zum Tragen. (…)

Der von Trump behauptete Top-Zustand der US-Atomwaffen lässt sich noch aus einem anderen Grund anzweifeln. Zwar ist das Pentagon für ihre Lagerung und ihren Einsatz zuständig, über das Strategic Command in Nebraska. Doch Entwicklung, Design, Produktion und Tests obliegen dem Energieministerium – eine wesentliche Tatsache, die sowohl Trump wie auch seinem neuen Energieminister Rick Perry zunächst wohl unbekannt war. (…)

Perry, ein Ex-Gouverneur von Texas, hatte im Wahlkampf sogar verkündet, das Energieministerium abschaffen zu wollen. Medienberichten zufolge war er nun schockiert, dass er auch für die Nuklearwaffen verantwortlich ist: Zwei Drittel seines 30-Milliarden-Dollar-Haushalts entfallen auf deren Schutz und Instandhaltung – darunter die konstante Überwachung des Uran- und Plutonium-Materials, damit es nicht in falsche Hände gerät.

Perrys Vorgänger Ernest Moniz, ein Kernphysiker, hatte sich nach Trumps Wahl angeboten, die komplexe Materie ordentlich zu übergeben. Doch die neue Regierung war daran nicht interessiert und feuerte einen Großteil der Belegschaft. Bis heute sind viele Ministeriumsstellen verwaist – darunter in der Atomwaffen-Abteilung.

Dass Trump lügt wie gedruckt ist wohl weitgehend bekannt. Unglaublich – aber man muss es wohl doch glauben. Dass aber der für „die Entwicklung, Design, Produktion und Tests“ der Atomwaffen zuständige Minister Perry nicht über seine Zuständigkeit für die Aufsicht der Nuklearwaffen informiert war, die 2/3 seines Budgets ausmachen sollen, ist schon wieder eine substantielle Steigerung der Unglaublichkeit. Nun ja, wenn die Inhaber der Befehlsgewalt nicht wissen, wofür sie zuständig sind und wohl auch nicht, wer ihnen unterstellt ist, dann kann man sich ausmalen, auf wessen Anweisungen diese unterstellten Stellen und Leute denn geneigt sind zu hören; denn die wissen dann wahrscheinlich auch nicht wer ihr Vorgesetzter ist. Es hat den Anschein, dass die Organisation der amerikanischen Regierung und Administration nach dem Zufallsprinzip funktioniert – und keiner weiß, wer was zu sagen und zu entscheiden hat. Das scheint nicht nur im Weißen Haus so zu sein, sondern auch in den Ministerien und der Administration. Ich hatte immer die Vermutung und Hoffnung, dass die Administration eine gewisse stabilisierende und gegebenenfalls korrigierende Funktion hat, wenn der Präsident über die Stränge schlägt. Wenn das nicht so ist, dann ist das wohl ein entscheidender Risikofaktor in den amerikanischen Befehlsketten. Also schwindet die Hoffnung, dass es jemanden gibt, der Trump ausbremsen kann, wenn er aus einer Laune heraus auf den ‚roten Knopf‘ drückt. Das kann er wohl jederzeit, denn einer der fünf Adjutanten mit dem ‚Nuclear Football‘, dem Koffer mit den entsprechenden Autorisierungscodes zur Initialisierung des Nuklearfalles, begleitet den Präsidenten jederzeit und überall hin. Dass Trump eine solche Laune beschleichen kann, damit ist wohl zu rechnen. Jedenfalls spricht er davon. Aber er spricht sich – auch in anderen Angelegenheiten – oft mit niemandem ab – schon gar nicht mit Leuten, die ihm widersprechen könnten.

Ich fürchte, dass wir bald in eine Lage kommen, in der es nicht mehr um die Frage geht, ob es Opfer eines nuklearen Desasters gibt, sondern wieviele Tausend es gibt und in welche Richtung sich die Nordkorea- Krise aufwächst. Jedenfalls sind die gegenwärtigen Beziehungen zwischen den Großmächten nicht geeignet, einen militärischen Nuklearfall in Nordkorea lokal zu begrenzen.

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