‚America first‘ – ernst gemeint?

2018-02-05 / Autor: Walter Roeb-Rienas

Der Leitspruch von Donald Trump “America First“ ist nicht neu. Die entscheidende Frage ist: Ist dieser Spruch des Präsidenten ernst zu nehmen oder nicht? Und wenn dieser Spruch ernst zu nehmen ist und man sich erlaubt, weiter zu denken, dann ergibt sich daraus schlüssig die Frage: was kommt denn danach, wenn Amerika zuerst dran ist? Kommt dann der Rest der Welt – oder nichts mehr?

Ich bin der Ansicht, dass mit der Wortkombination ‚America first‘ ein „imperialistischer Weltherrschaftsanspruch“ im wahrsten Sinne des Wortes gemeint ist. Das klingt nach dem Sprechtenor linker Marxisten aus den 70ger Jahren; aber dieser Anspruch scheint nun Wirklichkeit zu werden. Die konkret beobachtbare Entwicklung der Präsidentschaft des Donald Trump legt dies nicht nur nahe, sondern sie beweist es.

Viele glaubten anfangs, der präsidiale Clown mit der ‚Pommestolle‘ sei ein verrückter, der über Twitter nur hohle Sprüche ablässt, die doch nicht ernst zu nehmen seien. Es hat sich zwar gezeigt, dass Trump als Regierungschef vergleichsweise erfolglos ist, auf dem parlamentarischen Weg in den USA vernünftige Gesetze durchzusetzen. Das braucht Trump offenbar aber auch gar nicht, denn er verändert die Welt unter Umgehung parlamentarischer Abstimmungen durch einseitig verfasste unabgestimmte Dekrete. Und (!) indem der korrupten und servilen ‚Geldhaien‘ [der sog. Wirtschaftselite] einerseits und dem Mob der ‚looser‘ [den Verlierern; seiner Wahl-Anhängerschaft] in dieser Welt andererseits Reichtum und Wohlstand verspricht. Wenn das alles wäre, dann konnte man sich ruhig zurücklegen, denn diese Versprechungen, dass Geld mit der Gießkanne verteilt werden kann, ohne dass jemand die Rechnung dafür bezahlen muss oder dafür etwas tun muss, ist sowieso nicht haltbar – die Verlierer dieser Wundertaten wird es auf jeden Fall geben.

Wir sollten uns das Beziehungsmodell, nach dem Trump verfährt, ernsthaft zu Gemüte führen. Den Spruch „ …you are fired …“ hat Trump nicht nur einmal mit Stolz verkündet. Das bedeutet, dass jeder, der ihm im Weg steht, nicht loyal ist und sich ihm nicht unterwirft, einfach aus dem Weg geräumt wird. Dabei ist ihm jedes Mittel recht. Gezeigt hat Trump dies in seinem unmittelbaren Nahfeld, der Personalpolitik im Weißen Haus, in seinem Kabinett und mit den Geheimdienstchefs. Dabei ist es ihm offenbar völlig gleichgültig, ob die Leute, die er abräumt vorher seine ‚Freunde‘ waren oder ihm nur rückwärts in seinen Verdauungskanal gekrochen sind. Es hat den Anschein als würde Trump zwischen diesen beiden Personengruppen nicht unterscheiden (können oder wollen). Banon ist ein Musterbeispiel für dieses Beziehungskonzept.

Es gibt nach meiner Vorstellung keinen Grund anzunehmen, dass Trump mit den Staaten und Nationen, die nicht USA heißen, anders verfährt als mit den Personen in seinem unmittelbaren Umfeld, selbst wenn diese beteuern froh zu sein, dass sie ihm dienen können.

Wie spricht Donald Trump (im O-Ton) über Beziehungen zu anderen Personen, mit denen er persönlichen Kontakt hat? (eigene Mitarbeiter, amerikanische Behördenchefs, Staatschefs anderer Länder, Fotomodelle oder Prostituierte – von Migranten gar nicht zu reden, aber mit denen hat Trump wahrscheinlich selbst noch nie gesprochen). Er spricht von „großartigen Menschen und wunderbaren Beziehungen“ um wenige Atemzüge später die betreffenden Personen abzuwerten und auf peinlichste Weise zu beleidigen. Die Haltbarkeit seiner Zuschreibung einer grandiosen Beziehungsqualität an andere Personen ist extrem kurz und völlig unkalkulierbar. Und so scheint er es auch mit Verträgen zu halten; die cancelt  er mit einem Federstrich, ohne sich für die Interessen anderer zu interessieren. Und dies nicht nur auf der nationalen, sondern auch auf der internationalen Ebene. Beispiele kann man der Presse entnehmen.

Es wundert mich immer wieder, dass die Weltöffentlichkeit das nicht merkt.

Die Ankurbelung des Wettrüstens, begleitet mit einer martialischen Kriegsrhetorik, ist nicht nur Theaterdonner, sondern offenbar Realität. Die aktuellen Meldungen über die Bereitstellung ‚kleiner‘ taktischer Nuklearwaffen kann man doch nicht ernsthaft als Abrüstungsbemühungen ansehen.

Donald Trump auch keinerlei Hemmungen, sich mit den anderen Mächten anzulegen – ob es Großmächte wie China oder Russland sind, oder kleine Staaten, die sich gar nicht wehren können –  und diese ohne Not in Verlegenheit zu bringen. Ich halte es für ausgeschlossen, dass Trump – solang er seinen bisherigen Posten behält – es zulassen wird, dass die anderen Großmächte in irgendeiner Subdisziplin die Nummer 1 sind, ohne dass er diesen ‚gegen das Schienbein tritt‘. Dies würde dem Grundsatz „America First“ widersprechen, und das wird ihm nicht gefallen.

Das Ausbeutungsschema von Donald Trump ist unvorstellbar simpel. Dieses für eine Verschwörungstheorie zu halten, halte ich für höchst gefährlich, wenn man sich die Entwicklung der letzten 12 Monate anschaut.

Sprüche wie ‚Es wird nicht so heiß gegessen wie es gekocht wird‘ oder ‚Hunde die bellen beißen nicht‘  sind manchmal einfach falsch. Wenn der Hund gebissen hat, nützt es einfach nichts mehr, wenn man behauptet der Hund habe doch gebellt.